Dienstag, 25. Dezember 2012

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"Shutter Island", 23 Uhr 25, Das Erste

Auch das


Er starb zwei Tage und Nächte. Als ich nach ein paar freien Tagen zum Dienst kam, war ich über die Entwicklung überrascht. Ein Infekt schaffte ihn.
Ich denke an die Kämpfe, die ich nachts mit ihm hatte. Er akzeptierte die Windeln nicht und zerrupfte sie in hartnäckiger Kleinarbeit. Durch die Kontrakturen konnte er sich kaum noch bewegen. Seltsam verrenkt lag er im Bett. Es war nicht viel an ihm dran, aber er kämpfte immer wacker gegen mich, wenn ich ihn sauber machte und die Windel wechselte. Ich war über das Chaos, das er im Bett veranstaltete natürlich wenig erfreut. Es tut mir leid. Ich sehe seine aufgerissenen Augen vor mir und höre sein Knurren. Reden konnte er schon lange nicht mehr. Irgendwie erinnerte er mich von Anfang an eine Figur aus der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“, - wie er mich anschaute, knurrte und sich im Bett räkelte.
Zwei Tage lang fragte jeder, der seinen Dienst antrat: „Lebt er noch?“ Schließlich fand er in meiner Nacht seine Ruhe. Im Sterben lag er fast entspannt da, seine Augen halb geschlossen, seine Atemfrequenz durch das Fieber erhöht. Ich schaute häufig nach ihm und verzieh ihm alle zerrissenen Windeln und Kämpfe der letzten Jahre. In den frühen Morgenstunden fand ich ihn tot. Er war noch warm. Ich schloss seine Augen und stand eine Weile an seinem Bett. Ich seufzte. Als ich ihn schließlich zurecht machte, seufzte er auch noch mal ...
Dann einen Arzt zur Leichenschau anfordern, das Telefonat mit dem Sohn, den ich als Nachtwache nicht kannte, von dem ich nur die Telefonnummer hatte.

Er war seit längerer Zeit wieder ein Sterbefall in meinem Nachtdienst. Ich kann gar nicht sagen, wer der vor ihm war. In den letzten fünfundzwanzig Jahren waren es eine ganze Menge. Einige blieben im Gedächtnis haften, andere verschwanden wie Gespenster, als hätte ich sie nie erlebt.

ein literarisches Tagebuch

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