Samstag, 4. Februar 2012

TV-Tipp:

"Nackt unter Leder", 22 Uhr 35, ZDFkultur

Der Achtzigste


Klaus fährt mich. Das ist sehr anständig von ihm. Allerdings ist er bedrückt, als wir uns treffen. Er wurde schriftlich abgemahnt. Gleich doppelt. Er redet von nichts anderem. In vierzig Berufsjahren passierte ihm so was noch nicht. „Wenn es ganz schlimm kommt, muss ich eben in Vorruhestand gehen“. Eigentlich wollte er die paar Jahre bis zum seinem 65sten noch arbeiten, damit er die volle Rente kassieren kann. Ich weiß immer noch nicht genau, was er arbeitet. Er fängt mitten in der Nacht auf dem Großmarkt an und hat dort mit Früchten zu tun. Vor einem halben Jahr wurde die Firma von einer anderen übernommen, und seitdem hat er Schwierigkeiten. Wahrscheinlich will man ihn raus drängen. Er ist aber auch ein Dickkopf und ziemlich rechthaberisch. Die Abmahnungen sind ein Dämpfer für ihn. Verständlich. Ich weiß, wie ich mich damals nach der Abmahnung fühlte.
Die Sonne scheint. Es ist ein sehr kalter Wintertag. Ich blinzle müde in die Helligkeit. Nach der Nachtwache schlief ich kaum drei Stunden. Mein Vater wird Achtzig, und Klaus fährt mich. Mit den Nahverkehrsmitteln wäre ich sonst über zwei Stunden unterwegs. Es ist Mittag, als wir meine Heimatstadt erreichen.
Die Eltern freuen sich wie die Schneekönige über meinen Besuch. Wir sitzen zwei Stunden im Wohnzimmer zusammen, trinken Kaffee und reden. Das Hauptthema ist die Alzheimerdemenz des Vaters. Er verliert sein Kurzzeitgedächtnis. Von meinem letzten Besuch weiß er nichts mehr. Er spricht mich ständig mit dem Vornamen meines Bruders an. Er erzählt viel aus der Vergangenheit. Er sagt selbst, dass er sehr vergesslich ist. Aber die Vergangenheit sähe er ganz deutlich vor seinem geistigen Auge. Wir reden entspannt darüber. Ich weiß durch meinen Beruf viel über Alzheimer und sage den Eltern, dass sie so normal wie möglich weiterleben sollen. Sie arbeiten viel im Haus und im Garten. Sie sind den ganzen Tag über beschäftigt. Das ist gut. Sie sind beide sehr tapfer. Ich weiß, dass sie früher oder später meine Hilfe brauchen werden. Ich merke, dass nach zwei Stunden die Konzentration bei meinem Vater nachlässt. Seine Augen sind müde. Er sucht nach Worten. Er taucht ab in die Vergangenheit. Die Gegenwart weht durch ihn hindurch. Die Gegenwart ist für ihn ein Gespenst, das er nicht festhalten kann. Er fragt nach meinem Auto. Die Mutter erklärt ihm, dass ich schon lange kein Auto mehr fahre.
Wir verabschieden uns herzlich. Die Eltern winken von der Haustüre hinter mir her. Ich liebe sie. Ich gehe zu dem vereinbarten Treffpunkt, wo mich Klaus abholt. Der Tag ist sehr hell. Es ist kalt. Ich schaue mich um und schwelge in Erinnerungen. Alle Häuser und Straßen sind mir noch sehr vertraut.
Klaus kommt pünktlich. Er fährt einen Smart. Er zeigt mir die Abmahnungen. Er steht noch immer wie unter Schock. Im Kaffeehaus gehen wir noch einen trinken. Die Zeit verfliegt. Es wird Abend. Klaus verabschiedet sich. Für die letzte Strecke nach Hause nehme ich den Bus.

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