Donnerstag, 20. Oktober 2011

Prag (6)


Für alle, die ähnlich desorientiert durch Städte laufen wie ich



Von der Innenstadt her kommend, nimmt man z.B. die Tram-Linie 11. Die Friedhöfe sind eigentlich nicht zu verpassen. Sind alle schön ummauert.

(So klein ist der neue jüdische Friedhof nicht, Sehnsucht, oder?





wo Kafka und Kisch liegen

Prag (5)


Einblicke



Abends, wenn ich im Dunkeln zurück zum Hotel kam, qualmten mir die Socken. Nichts wie rauf in mein kleines Zimmer, Schuhe aus und Füße hochgelegt. Das war meist so zwischen 19 und 20 Uhr. Nachdem ich mich etwas ausgeruht hatte, ging ich runter ins Hotelrestaurant, Bierchen trinken und eine Kleinigkeit essen. Das Hotel war wirklich preiswert, aber vom Essen war ich enttäuscht. Die Portionen waren unterirdisch. An meinem letzten Abend wollte ich mir vor meiner Abreise ein 200g Rindersteak gönnen. Mal zuschlagen, dachte ich. Dann kam ein Steak, etwas doppelt so groß wie mein Daumennagel. Und die Kroketten waren Gummibällchen. Ich glaube, die wären vom Boden wieder hoch auf den Teller gedopst.
Das verärgerte mich - ehrlich - und ich sah von weiteren Bestellungen an diesem Abend ab, verzog mich recht früh wieder in mein Zimmer und las "Der Fänger im Roggen" zuende.

Ich war auf meinen Wanderungen vollkommen in die Großstadt eingetaucht, floß mit den Menschenströmen und manchmal auch gegen sie. Wo die Geschäfte, die Einkaufszone und die Konsumtempel sind, da sieht heute wohl jede europäische Großstadt zum Verwechseln ähnlich aus. Bevor ich zurück zum Hotel schlappte, als es bereits dämmerte, ging ich im Palladium noch ein Bier trinken. Das war ein Einkaufszentrum auf etlichen Etagen und Zwischenetagen. Ich glaube, was von dem Volumen sah ich zuletzt in Paris. (Das Rhein-Neckar-Zentrum bei mir hier um die Ecke kann es damit nicht aufnehmen.) Für gewöhnlich gehe ich in solche Einkaufsbunker, wo sich die Geschäfte stapeln, nicht oft und gerne, drum kann ich darüber vergleichend schlecht urteilen, aber so ein Riesending hatte ich schon lange nicht gesehen! Da fühlt man sich erstmal erschlagen, wenn man reinkommt.
Ich fuhr also die Rolltreppen hoch bis zur obersten Etage, denn da waren die ganzen Restaurants, Kneipen, und setzte mich an eine Bar, von wo ich einfach auf die vielen tausend Menschen schaute, oder die Bedienungen beobachtete, wie sie lustlos bei der Sache waren. Wirklich, manche Bedienungen laufen mit einem Flunsch herum, als ob man für ein Lächeln extra bezahlen müßte. Das ist in Prag nicht anders als hierzulande. Wo der Konsum vorherrscht, sinken Freundlichkeit und Service. Woran mag das liegen? Ich bin mir jedenfalls nicht für ein Lächeln gegenüber meinen Mitmenschen zu schade. Aber in einer solchen Atmosphäre passt man sich dann doch irgendwie an, glaube ich.
Nach dem Bier ging ich pinkeln - logisch. Es gab eine große Toilette auf der Etage, die ich ganz lustig fand, weil über den Urinalen Bilder von jungen Frauen in die Wand eingebracht waren, die kritisch und witzelnd auf unsere Teile beim Pinkeln herabblickten. Ich stand am liebsten an dem Urinal, worüber eine der jungen Damen einen Zollstock in der Hand hielt und darauf lachend die Länge meines Geschlechtsteils andeutete. Als ich da mal wieder stand und zufällig neben mich auf einen Pinkel-Kameraden schielte, glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen: der holte sich einen runter und schaute dabei lüstern auf die Bilder vor sich. Erst dachte ich, als ich die rhythmische Handbewegung bei ihm wahrnahm, er würde nur etwas langwierig abschütteln, aber als ich dann in sein Gesicht schaute ... Widerlich, sage ich Euch. Doch bestimmt nicht typisch für Prag, oder?
Ahoi!





in meinem kleinen Zimmer





Palladium





die freundlichen Damen über den Urinalen





die eine Kirche, in die ich kurz reinschaute

ein literarisches Tagebuch

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