Mittwoch, 19. Oktober 2011

Prag (4)


Winkel, Bögen und Gräber



Im Großen und Ganzen hatte ich aber Glück mit dem Wetter. Nur der eine Tag war versifft. Am nächsten Morgen war die Stadtluft wunderbar reingewaschen. Die ersten Atemzüge, als ich vom Hotel auf die Straße trat, waren eine echte Wohltat.
Jetzt hatte ich schon ein Bild von der Stadt im Kopf. Zuerst wollte ich das 24h Ticket ausnutzen, das ich am Vortag gekauft hatte, und fuhr mit der Straßenbahn raus zu den Friedhöfen. Kafka liegt da irgendwo begraben. Ich sag`s gleich: ich war nicht an seinem Grab. Erst fand ich`s nicht, weil ich im falschen Friedhof war, und als ich am letzten Tag vor dem richtigen Friedhofseingang stand, war der abgesperrt - wegen irgendwelcher jüdischer Feiertage oder Ferien. Für alle, die Kafkas Grab in Prag besuchen wollen, hier mal die Adresse: Nad vodovodem 1, Neuer jüdischer Friedhof. Und beachtet die Öffnungszeiten ...!
Aber der olle Kafka läuft mir ja nicht weg.
Dafür kam ich ans Grab von Egon Erwin Kisch. Auch nicht schlecht, oder?
Nach dem Ausflug zu den Friedhöfen fuhr ich Richtung Bahnhof. Ich wollte gleich mal abchecken, wo ich an meinem Abreisetag hinmusste. Und das war gut so, denn ich wusste bis dato nicht, dass der eigentliche Bahnhof unter der Straße lag. Und es war auch nicht gerade einfach als Fußgänger zu ihm hinzugelangen. Ich hatte mich fast schon daran gewöhnt, etwas blöde durch die Gegend zu irren. Dabei war ich an diesem Vormittag noch völlig nüchtern. Weil sich meine allmorgendlichen Darmgeschäfte anmeldeten, mußte ich mich aber beeilen. Uff, geschafft! dachte ich, als ich bei den Bahnhofstoiletten ankam. Dummerweise wartete ich dann noch eine gefühlte Ewigkeit am Wechselautomaten in der Schlange. Schon doof, wenn man nicht das passende Münzgeld dabei hat.
Ich glaube, ich hab`s heute mit den Tipps: Leute, nehmt euch unbedingt schönes weiches Klopapier mit, wenn ihr in Prag unterwegs seid. Denn das, was in den Toiletten ist, das ist so verflucht dünn, wie ich noch keins in meinem Leben gesehen habe. Es hat weder Zugfestigkeit, noch ist es angenehm auf der Haut.
Gut, hätten wir das also auch.
Als ich alles erledigt hatte, war wieder das Svejk Restaurant an der Reihe. Es war ja fast schon Mittag. Einfach herrlich, wenn man erleichtert bei Sonnenschein durch Prag scharwenzelt. Es gibt so viele schöne Ecken, Winkel und Plätze zu entdecken. Ganz zu schweigen von dem vielen Kunsthandwerk, den Straßenkünstlern, der richtigen Kunst. Prag hat sehr viel Kunst zu bieten, und ich meine jetzt nicht nur die ollen Kirchen und so. Aber wenn Ihr auf Kirchen und Museen steht, dann könnt Ihr den ganzen Tag nichts anderes machen, als Kirchen und Museen besuchen. Das versichere ich Euch. Ich war immerhin kurz in einer Kirche drin, die gleich neben dem Café Kafka.
Nun kann man mich einen Kulturbanausen schelten, aber so bin ich eben. Ich mag einfach nicht diesen Mief, wenn Ihr wißt, was ich meine. Manche sagen auch "Muff" dazu. Dabei finde ich Geschichte schon spannend. Aber da lese ich lieber ein gutes Buch drüber. Manche decken sich ja, wenn sie in einer fremden Stadt sind, mit tausend Reiseführern ein, damit sie nur nichts verpassen. So einer bin ich nicht. Jetzt wird mir auch klar, warum ich die Schule hasste: ich mag`s verdammt nicht, wenn man sich einfach alles mögliche an Wissen ins Hirn drückt, ohne es zu filtern oder zu ordnen oder so. Also, ich muss etwas richtig fühlen und erdenken. Richtig tief - ansonsten ist es für mich wertloser Scheiß, und ich sperre mich automatisch.
Nein, ich bin kein Wissensverweigerer! Es ist immer dasselbe mit Euch: kaum sagt man etwas, was ein bißchen unüblich und befremdend ist, stempelt Ihr einen zum Extremisten.
Okay - jedem Tierchen sein Plaisierchen.
Ahoi!



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