Montag, 17. Oktober 2011

Prag (2)


Der erste Tag



Ich brauchte nur lange genug am Ufer der Moldau entlangzulatschen, und ich erreichte automatisch die Innenstadt. Ein Fluss ist für den Fremden eine gute Orientierung. Ich hatte zwar den Stadtplan, aber ich musste erstmal ein Gefühl für die Proportionen kriegen. Man ist da ja quasi als Ameise unterwegs. Nach dem Frühstück im Hotel tigerte ich los. Das Sirenengeheul von Polizei und Rettungswagen gehörte zu den ersten fremden Eindrücken. Schwer zu beschreiben. Deren Sirenen heulen heller und melodischer als die deutschen. Egal.
Nach einer guten halben Stunde Fußmarsch hatte ich den Dunstkreis der City erreicht. Das sah ich schon an den Touristenströmen. Die tschechischen Namen auf den Wegweisern sagten mir gar nichts. Und als ich dann inmitten des Häusermeers war, war es auch mit der Orientierung nicht mehr weit her. Aber ich hatte ja eine Masse Zeit totzuschlagen, konnte also einfach drauf loslaufen. Auf einem großen Platz wußte ich dann schon, dass ich richtig war. Alles fotografierte, und ich schoß auch ein paar Bilder. Dann dachte ich, dass es an der Zeit wäre, mein erstes Bier zu trinken. Um die Ecke war das "Café Kafka". Nichts besonderes. Ich saß draußen und relaxte.
Als ich von Heidelberg losfuhr, war mir klar, dass zum Auffüllen der Lücken im Tagesablauf eine Lektüre ganz nützlich sein könnte, drum wollte ich mir vor der Abfahrt in der Bahnhofsbücherei einen Roman oder sowas kaufen. Ich stand vor dem Bücherregal mit der Belletristik und schaute über das bescheidene Angebot. Hm. Hm. Kafka fiel mir natürlich ins Auge. Aber dann dachte ich mir, dass ich in Prag nicht auch noch Kafka lesen wollte - das wäre in etwa wie dick Butter auf einem Wurstbrot. Einfach zu viel.
Salingers "Der Fänger im Roggen" stand da auch. Ziemlich aufreizend. Ich nahm das Buch in die Hand und wußte fast sofort, dass es das richtige war. Das ist nicht nur mit Büchern so. Auch mit Frauen. Ehrlich. Plötzlich steht da die eine richtige wie aus dem Boden gewachsen.
Also, ich mach`s kurz: ich packte "Der Fänger im Roggen" in meinen Rucksack, kaufte noch ein paar Dosen Bier als Reiseproviant und wartete im Bahnhofrestaurant auf meinen Zug.
Ewig und drei Tage wollte ich dieses Buch schon lesen. Keine Ahnung, warum ich`s bis dato noch nicht fertiggebracht hatte. Und Prag wollte ich ja auch schon seit ewigen Zeiten besuchen. Also passte das auch irgendwie - oder wie seht Ihr das?
Ich hatte also die Innenstadt von Prag gefunden, und als ich da vorm "Café Kafka" Budweiser trank, gingen mir allerhand blöde Gedanken durch den Kopf: z.B., dass ich die tschechischen Frauen ziemlich schmalarschig fand, oder dass hier auffällig viele junge Männer mit langen Haaren, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, herumliefen - so wie die Franzosen irgendwann mal. Und später nach der xten Kneipe fiel mir auf, dass da die Popmusik der späten Achtziger und Neunziger rauf und runter lief, so als wäre die up to date - also so Sachen von Sting, Pink Floyd oder so. Ich weiß auch nicht.
Am ersten Tag bummelte ich erstmal die ganzen ausgetretenen Touristenpfade ab. Karlsbrücke und zurück. Dann wieder in die Innenstadt, in die Fußgängerzone ..., wie schon gesagt: ich schlappte gefühlt jeden Tag mindestens tausend Kilometer. Dabei wollte ich gar nicht wie ein typischer Tourist ausschauen, aber ich fühlte mich so furchtbar dämlich, weil ich mich gar nicht auskannte und immer blöd durch die Gegend glotzte. Ich erkannte die Einheimischen daran, dass sie mindestens doppelt so schnell unterwegs waren - und viel zielgerichteter. Mit den Tagen nahm ich dann auch an Tempo auf, weil ich dann schon wußte, wo das Bier besonders billig war, und wo ich sitzen wollte, "Der Fänger im Roggen" lesen und so.
Im Prinzip klappte alles ganz prima. Obwohl ich mir manchmal ein Gespräch gewünscht hätte. Es war schon ziemlich einsam - ganz allein in solch einer großen Großstadt. Immer wollte ich mir das nicht geben.
Ahoi!





Moldau Ufer





Innenstadt





Café Kafka





Karlsbrücke





vielleicht hauste hier der Typ, der mich am Bahnhof zum Taxi brachte

ein literarisches Tagebuch

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