Sonntag, 2. Oktober 2011

Letzte Station


Nach mehrwöchigem Kampf hatte sie es geschafft. Oder wie soll man es sagen(?): Sie fand ihren Frieden, sie durfte gehen - dorthin, wo wir alle früher oder später ankommen. Ich nahm von der Greisin in meinem letzten Nachtwachenblock Abschied. Ich ahnte, dass ich sie nicht mehr sehen würde. Sie lag bereits in Agonie. Ich hielt ihre Hand und streichelte ihre Stirn, ihr graues Haar. Ich kannte sie als liebe, verwirrte Omi, die etwa drei Jahre lang bei uns lebte. Gestern wurde sie vom Bestatter abgeholt.
Die betagten Damen, die ich abends ins Bett bringe, fragten mich nach ihr. Sie bekamen mit, dass es der Frau sehr schlecht ging. Aber niemand wollte direkt aussprechen, dass sie im Sterben lag. Sie wissen alle, dass das Altenheim für sie die letzte Station ist. Sie sehen, wie sich die Reihen lichten und durch neue Gesichter wieder aufgefüllt werden. Ein Zimmer wurde frei, und die Warteliste ist lang. Schon in wenigen Tagen werde ich im selben Bett einen anderen alten Menschen begrüßen.
...
Ach so, ich habe ja Urlaub! Nur noch eine Nacht und dann vier Wochen kein Altenheim, keine Nachtwachen, keine Windeln wechseln und keine Abschiede ... Die Alten kommen und gehen. Es sind inzwischen so viele. Die einen sterben relativ überraschend, andere sterben zu lang. Eines Tages werde vielleicht auch ich, falls ich nicht schon vorher das Zeitliche segne, froh über ein Bett im Altenheim sein. Ich habe keine (eigene) Familie, und es wird für mich keinen anderen Platz geben. Ausserdem wollte ich meine Angehörigen und Freunde nicht mit der Pflege und Fürsorge belasten. Ich hoffe nur, dass ich geistig halbwegs fit bleibe - und auch als Greis noch richtig schöne und provokative Beiträge in den Blogs abfassen kann. Wer weiß? Ich kann nicht gerade sagen, dass ich scharf auf diese "letzte Reise" bin.

Okay. In einer Woche reise ich erstmal nach Prag. Bahnticket und Buchungsbestätigung für das Hotelzimmer liegen parat ... Ich freue mich!

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

TV-Tipp
"Alexis Sorbas", 20 Uhr 15, Arte
bonanzaMARGOT - 24. Sep. 18, 08:45
ich wehre mich vehement...
ich wehre mich vehement gegen deinen vorwurf, ich würde...
bonanzaMARGOT - 24. Sep, 05:15
Und du? Wie genervt bist...
Und du? Wie genervt bist du von meinen Wortmeldungen? Was...
bonanzaMARGOT - 23. Sep, 16:56
grundsätzlich mag...
grundsätzlich mag ich alle kommentare, die hereinschneien....
bonanzaMARGOT - 23. Sep, 16:13
Was anderes: Wie sehr...
Was anderes: Wie sehr magst du es, wenn ich bei dir...
rosenherz - 23. Sep, 16:03
das ist das verfluchte...
das ist das verfluchte an der seele, dass man das ein...
bonanzaMARGOT - 23. Sep, 15:47

Archiv

Oktober 2011
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 3 
10
11
12
13
14
15
23
25
27
30
31
 
 
 
 
 
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Schimäre
Ich werde solange bluten bis ich von dir gereinigt...
bonanzaMARGOT - 16. Sep. 18, 13:54
Spuren
Ich habe es geschafft, alles hinter mich zu lassen Die...
bonanzaMARGOT - 16. Sep. 18, 12:33
Der Blues der letzten Stunde
Für was dieser Aufwand? Meinem Fortpflanzungsauftrag...
bonanzaMARGOT - 15. Sep. 18, 09:24
Spontan
Plötzlich bekam ich einen Anfall und putzte die...
bonanzaMARGOT - 07. Sep. 18, 10:34

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 4029 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Sep, 08:45