Montag, 13. Dezember 2010

Von Macht, Gartenzwergen und Literarchie


John Lennon wurde vor dreißig Jahren von einem irren Fan ermordet. Er stritt für den Weltfrieden und war der US Regierung wegen seiner Prominenz und öffentlichen Wirkung ein Dorn im Auge. Julian Assange, der gegenwärtig durch seine Internetseite Wikileaks viel Staub aufwirbelt, landete inzwischen hinter Gitter. Er hat es geschafft, von den USA zum Staatsfeind erklärt zu werden. (Witzige Randnotiz: Lennons Sohn heißt auch "Julian".)

Die größte Macht der Welt fürchtet um ihr Image, wenn zu viele Missetaten und Lügen, bei welchen sie Regie führte, bekannt werden. Es geht heute wie damals um den Erhalt von Macht - auch um den Preis der Wahrheit. Individuen, die ihre Nasen zu tief in den Lügensumpf stecken, hinter die Kulissen schauen oder mit hartnäckigen Fragen unangenehm auffallen, müssen sich warm anziehen. Die Mächtigen fackeln nicht sonderlich lange, wenn sie sich bedroht sehen. Besonders gilt dies für totalitäre Staaten - doch auch in unseren hochgelobten Demokratien wird "gesäubert". Dies passiert durch Bestechungen, Drohungen, Intrigen, falsche Beschuldigungen, Demütigungen ... Die Palette der Möglichkeiten ist lang. Zusammengefasst könnte man es "Mobbing" nennen. Freidenkende Menschen fielen diesem gesellschaftlichen Mobbing schon immer und in allen Lebensbereichen zum Opfer. Dies gilt hinab bis zu Ebenen wie der Familie oder des Vereins- und Forenlebens. Am beliebtesten sind nicht die Menschen, die Wahrheiten aussprechen, sondern jene, die Wahrheiten verbiegen und den Mächtigen in den Arsch kriechen, beziehungweise sich dem herrschenden System unterordnen. Jedenfalls funktioniert diese Masche, solange die Mehrheit schweigt. Die subversiven Elemente (Unruhestifter) werden aussortiert und kaltgestellt.

Ich erlebte diese Vorgehensweise bei der Arbeit, als eine herrschsüchtige Chefin peu à peu alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, deren Nasen ihr nicht gefielen, aus dem Altenheim vertrieb. Und ich erlebte ähnliches vor einigen Jahren in einem Literaturforum. Unbequeme Mitglieder wurden erst mit Repressalien belegt und schließlich ausgeschlossen. Dieses Forum war die "Leselupe", wo ich zum ersten Mal meine Gedichte veröffentlichte, Kritik und Anerkennung entgegen nahm. Die Sperrung einiger Mitglieder, inclusive meiner Person, führte damals zur Gründung von "Literarchie". Der Tenor war: Wir wollen es anders machen!
"Melusine", Weggefährtin aus der Leselupe, mit der ich damals freundschaftlich verbunden war, schmiß sich ins Zeug und rief das neue Forum ins Leben. Es war ein gutes Gefühl, zu den Revoluzzern, zu den Underdogs zu gehören - auch wenn sich alles nur im Internet abspielte und zu keiner Zeit für irgendwen bedrohlich war. Emotional waren wir aber schon von den Vorgängen in der Leselupe betroffen, und es gab jede Menge Aufregung und Diskussionen.

Inzwischen gingen ein paar Jahre ins Land: Literarchie etablierte sich als kleines Literatur- und Schreibforum, und Melusine wandelte sich zu meinem Leidwesen zu einer keifenden, launischen Administratorin, die willkürlich das Forum regiert. Ich zerwarf mich mit ihr und trat aus. Eigentlich wollte ich wegen unseres freundschaftlichen Kontakts lange nicht an eine solch negative charakterliche Wandlung glauben, ... registrierte mich vor wenigen Monaten (Anlaß war ein Schreibwettbewerb) erneut in Literarchie und hoffte auf eine gewisse Normalität im gegenseitigen Umgang. Literarchie verkörperte für mich immer noch das "Anti-Forum", welches wir damals gründeten, um es besser zu machen - nicht einfach autokratisch, unbequemen Mitgliedern den Mund zu verbieten, oder sie aus dem Forum zu mobben ... Dafür stand auch der Name "Literarchie".

Melusine indes belehrte mich eines Besseren: Wenn ich mich kritisch oder mal polemisch äußerte, konterte sie mit Beleidigungen und Beschimpfungen; schließlich legte sie mir nahe, ich solle freiwillig wieder den Hut nehmen, da ich, ihrer Meinung nach, nicht ins Forum passe. Sie verwarnte mich, und ein "Puuups" von mir reichte schließlich aus, eine Sperrung auszusprechen. Dabei sagte ich nicht mehr und nicht weniger als meine Meinung. Ich wollte niemanden beleidigen - Melusine allerdings hatte wenig Scheu, meine Person zotisch zu verunglimpfen.

Diese kleine Foren-Anekdote erzähle ich, weil ich ganz persönlich enttäuscht bin und mir auf diesem Wege etwas Luft mache. Aber ich sehe darin auch eine Parabel, die auf viele Vorgänge in Gesellschaft und (Macht-)Politik passt - ebenso wie George Orwells "Farm der Tiere" ...
Daraus ergibt sich mir vorallem folgender Fragenkomplex:
Wie kann es passieren, dass Revolutionen immer wieder trotz aller guter Vorsätze scheitern? Kann der Mensch nur in der Theorie "gut" sein? Bedeutet Macht per se auch Machtmißbrauch? Gibt es eine anarchistische Alternative? Kann man Macht vernünftig aufteilen? Existieren im Menschen archaische Machtinstinkte, die er trotz Intellekt nicht überwinden kann?

ein literarisches Tagebuch

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