Freitag, 10. Dezember 2010

Ausflug in die Stadt


Zur Zeit zerbrechen mir die Dinge in der Hand: zuerst ging ein Bildhalter beim Putzen in Scherben, dann gab mein Laptop seinen Geist auf, und eine Steingutschale fiel mir über der Spüle aus der Hand ... Gestern schließlich blieb meine Armbanduhr stehen - das Stellkrönchen war abgefallen. Im Uhrengeschäft wurde ich nach der Garantie gefragt, die ich freilich nicht mehr gefunden hatte. Manche Sachen schmeiße ich zu schnell weg. Die Uhr hätte noch knapp Garantie gehabt. Ich sagte zu dem Mann, der mich bediente: „Ich kaufte sie bei Ihrem Kollegen. Er müßte sich erinnern, denn sie hat ein Saphirglas. Er hatte damals nur fünfzig Stück davon anfertigen lassen.“
„Der ist inzwischen verstorben,“ sagte der Uhren-Mann. Er war kurz angebunden.
„Oh, tut mir leid.“
Er blickte mich ungeduldig an. Als ich ins Geschäft kam, hatte ich ihn in einem Telefonat gestört.
„Es ist Ihre Entscheidung.“
„Was könnte es mich denn kosten?“
„Zwischen 20 und 40 Euro.“
„Okay, ich trug die Uhr sehr gern ... mit dem Saphirglas.“
„Dann schicke ich sie also ein.“
„Und wie lange wird es dauern?“
„Zwischen 2 und 4 Wochen.“
„Also, wird‘s wohl Neujahr werden.“
„Das ist möglich.“
Er notierte sich meine Adresse und Telefonnummer, und ich zog wieder von dannen ... hinaus in die Dunkelheit und ins Schneetreiben. Den Weihnachtsmarkt ließ ich links liegen, weil meine Blase tierisch drückte. Ich hatte erledigt, wozu ich in die Stadt gefahren war. Jetzt sollte der gemütliche Teil kommen. Im Bierkrug eilte ich zur Toilette und setzte mich zum Nachfüllen an die Theke. Der Bierkrug ist halb Kneipe, halb Gaststätte. Renate, die Inhaberin, kenne ich noch aus Schulzeiten. Sie war im Gymnasium eine Klasse über mir, das heißt: nachdem ich hocken geblieben war.
Ich trank also mein Bier an der Theke und erinnerte mich der alten Zeiten. Renate wuselte hinter meinem Rücken hin und her und deckte die Tische. Sie erwartete eine größere Gesellschaft: ein Altenheim hatte sich zur Betriebsweihnachtsfeier angekündigt ... 40 Personen. Der Koch, ein schlacksiger, wortkarger Kerl in den immerselben karierten Kochhosen stand vor der Tür und rauchte. Eingemummelt hasteten die Menschen durch die Fußgängerzone. Die Einheimischen nennen sie Idiotenrennbahn. Jetzt zur Weihnachtszeit ganz besonders ...
Ich überlegte, dass Renates Kneipe gar nicht so übel für eine Betriebsfeier war. Die Preise sind in Ordnung, und der Koch kocht gut - wird gesagt. Selbst kenne ich mich nur mit dem Bier aus. Aber es riecht schon gut, wenn Renate den Gästen an den Tischen die Mahlzeiten serviert.
„Ich werde dein Lokal für die nächste Betriebsfeier vorschlagen“, sagte ich an Renate gewand.
„... mach mal langsam. Erst mal sehen, ob das heute Abend ein Erfolg wird.“
„Wird schon klappen.“
Sie mußte noch nie eine solch große Gesellschaft an einem Abend verköstigen.
Ehrlich gesagt, hatte ich mein Angebot auch nicht sonderlich ernst gemeint. Ich hielt nicht viel von Betriebsfeiern. Da verquasselte man sich nur. Und warum sollte man mit Leuten privat abfeiern, die man bereits im Dienst schwer ertragen konnte? Die Zahl derer, die ich unter meinen Kollegen und Kolleginnen wirklich mochte, war in den letzten zwei Jahren auf eine Handvoll geschrumpft.

Ich leerte mein Bier und zog weiter.
Letzte Station auf meinem Ausflug in die Stadt war das Café Petit Paris. Von dort war es nicht mehr weit zur Straßenbahnhaltestelle.
Immer wieder hob ich meinen linken Arm und sah auf mein leeres Handgelenk. Wie man doch selbst ein solch eher unwesentliches Ding wie eine Armbanduhr vermisst! Wie schwer wiegt da erst der Verlust eines Menschen, den man viele Monate oder gar Jahre an seiner Seite hatte(?!) Immer wieder muß man mit solchen Verlusten klarkommen. Mal mehr, mal weniger tragisch. Da war zum Beispiel Klaus, dessen Frau vor wenigen Jahren an Krebs starb. Dinge ließen sich leichter ersetzen. Scheiße.
In der Straßenbahn drängelten sich die Menschen. So unangenehm nah einem die anderen waren, so unmöglich weit weg waren sie in ihren Lebenswelten. Wir standen seltsam autistisch zusammengeschoben und warteten auf unseren Ausstieg. Die Reihen lichteten sich mit zunehmender Entfernung vom Zentrum. Ich schaute mich um, suchte nach dem Menschen, den ich umarmen wollte ...
Sowieso hätte ich mich nicht getraut.




(10.12.2010)

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