Samstag, 27. November 2010

Im Sog


Die weiße Pracht taut langsam wieder ab. Der Himmel hellt sich auf. Im TV läuft die Schlichtungsrunde mit Heiner Geißler zum Bahnprojekt Stuttgart 21. Samstagvormittag - die Lebhaftigkeit der Familie im Stock unter mir dringt gedämpft an meine Ohren wie das Verkehrsrauschen auf dem nassen Straßenbelag der stark befahrenen Talstraße. Mal gespannt, wann der Tunnel Wirklichkeit wird, um endlich Entlastung für die Anwohner zu bringen. Da wird wohl vorher noch Stuttgart 21 fertig gestellt.
Ich stöbere in meinen Annalen aus den Neunzigern. Ein altes Notizbuch liegt aufgeschlagen vor mir. Damals hatte ich noch keinen Computer und schrieb tausende Seiten von Hand. Fasziniert lese ich aus den Zeugnissen meiner Vergangenheit. Schemenhaft tauchen Bilder aus dieser Zeit vor meinem geistigen Auge auf. Was habe ich mir in den vielen Jahren nicht alles von der Seele geschrieben. Fühle ich mich darum leichter? Ich weiß es nicht. Der Wortsalat drang aus mir heraus wie Lava - aus dem Refugium meines Geistes. Nun sehe ich sie erkaltet und zu seltsamen Formen erstarrt vor mir.
Minuten wurden zu Stunden zu Tagen zu Jahren, Jahrzehnten. Langsam verstehe ich den Wert von Wissenschaften, die nach unserer Vergangenheit forschen. Es ist mehr als ein Nachvollziehen vergangener Vorgänge. Wir graben dabei nach uns selbst.
Ich bin in der vorwärts drängenden Gegenwart gefangen. Noch immer labern sie in der Schlichtungsrunde. Viele gescheite Leute diskutieren unter der Aufsichtshoheit Heiner Geißlers um den heißen Brei. Interessant. Ich lasse mich ablenken. Der Schnee liegt wie Zuckerguss auf den Dächern und Gärten. Selbst wenn ich völlig erstarre, geht alles weiter. Es gibt keinen Halt. Die Liebe zu einer Frau verschwindet langsam - ohne mein Zutun. Doch bevor sie sich ganz verabschiedet, leide ich, fluche ich, kotze ich …
Alles wird kalt. Das Leben ist wie ein gewachsener Berg - aus der eigenen Schlacke. Und oben am Schlot brodelt es unaufhörlich.

ein literarisches Tagebuch

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