Montag, 8. November 2010

Der Tod in seinem Element



Der Tod hängt in der Steilwand
Er hat fast jeden Berg erklommen
Kurz vorm Gipfel lässt er sich
in dieTiefe fallen
lauthals lachend
stürzt er an den nachfolgenden
Kletterern vorbei
Einen davon packt er am Kragen
und reißt ihn mit sich
Er nennt das:
„Abgreifen“

Der Tod ist Hobbygärtner
Die Zeit nimmt er sich zur
Entspannung
Außerdem macht es ihm höllisch
Spaß, in seiner Freizeit mit seiner Sense
zu mähen
und Unkraut zu rupfen
Und so kennen wir ihn schließlich
als den
„Schnitter“

Der Tod kocht für sein Leben gern
und wenn er zum Mahl einlädt
heißt er jedermann gleich willkommen
Heute gibt es Lammkoteletts
und bestimmt solche
die den Essern im Halse stecken
bleiben
Der Tod lacht in die Runde
seiner geladenen Gäste und tönt:
„Das kommt davon, wenn man den
Mund zu voll nimmt!“

Offensichtlich vergnügt er sich gut
und seine Phantasie kennt kaum
Grenzen
Mitunter macht er auch den
LKW-Fahrer
Er liebt Stauenden
und Pannenfahrzeuge auf dem
Seitenstreifen

Aber am meisten Freude hat er an
Flugzeugkollisionen und –Abstürzen
„ich kann es nicht beschreiben“, äußert
er mir gegenüber beim gemütlichen
Kaffeekränzchen
„So viele Elemente kommen zusammen,
wenn ich darüber nachdenke – es ist
dieser Überraschungseffekt
Außerdem gleicht keine Katastrophe
der anderen
eine echte Augenweite ...“

„Was ist mit den Kriegen?“ frage ich
schaudernd und zittere leicht beim
Anheben der Kaffeetasse
„Kriege finde ich echt öde“, antwortet der
Tod, „die Menschen nehmen mir die ganze
Arbeit ab, dabei reizt mich doch die
Herausforderung ...“
„Aha“, krächze ich und setze die Tasse ab
Der Kaffee schmeckt bitter
„Ich bin Künstler“, fährt mein düsterer
Gesprächspartner fort, „das müsstest
du doch verstehen ...“
Mir stockt der Atem
Eine Knochenhand legt sich kalt
auf meine Schulter
Der Tod fordert mich kameradschaftlich
auf, ihm in sein Atelier zu
folgen
.





(17.11.2002)

ein literarisches Tagebuch

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