Mittwoch, 29. September 2010

Bergfest

oder: Zum Älterwerden


Und wieder ein Jahr älter! Nein, ich habe nicht Geburtstag, aber irgendjemand hat bestimmt einen; und außerdem kann ich mir das jeden Tag sagen - relativ zu dem Tag vor einem Jahr.
Ich stelle mir vor, dass ich dies einst nicht sagen konnte, weil ich noch weniger als ein Jahr alt war. Was war das damals für eine schöne sorgenfreie Zeit! Wer keine Vergangenheit hat, hat auch noch keine Zukunftsängste. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was es bedeutet, älter zu werden. Ich konnte es mir sehr lange nicht vorstellen. Inzwischen sehe ich mein Älterwerden von Jahr zu Jahr bewusster. Und die Alten im Altenheim nehmen meine Zukunft quasi vorweg. Ich rieche förmlich die Trostlosigkeit, wie sie ganz oben auf der Lebensleiter auf ihren Tod warten. Sie sagen es manchmal auch. Es ist unabänderlich und grausam - wie bei einem zum Tode Verurteilten kurz vor seiner Hinrichtung. Das Leben wird von Angst und Depression verätzt. Und jede Minute, die man ohne solche Gedanken und Ängste genießen kann, wird zum Geschenk. Womöglich ist die Demenzerkrankung aus dieser Perspektive eine Gnade, denke ich ...
Nun bin ich diesbezüglich erst in der Vorhölle. Als Midlifecrisis wird es von Psychologen beschrieben. Ich stehe sozusagen am Zenit meines Lebens und sehe im Geiste voraus, wie mir die Felle davonschwimmen. Mal davon abgesehen, dass ich schon sehr lange nichts von Geburtstagsfeiern halte, wird es nun regelrecht zu einer sadomasochistischen Angelegenheit zu zelebrieren, dass man wieder ein Jahr älter wurde. Vielleicht sollte ich wie die Wehrpflichtigen Bergfest feiern - und danach verbiete ich mir, über mein Alter nachzudenken. Ich hatte mein Leben, und jetzt geht`s eben bergab. Das ist der Lauf der Dinge. Jedes Jahr erleben wir es peripher durch die Jahreszeiten.
Wie gut haben es doch Leute, die fest in einem Glauben verwurzelt sind. Religionen sind eigentlich die genialste Erfindung der Menschheitsgeschichte. Sie können dieses grundlegende Bewusstseins- und Existenzproblem, dass das Leben endlich ist, für den menschlichen Geist erträglicher erscheinen lassen. Und tatsächlich gibt der religiöse Glaube vielen Menschen Halt und spendet ihnen Trost - nicht erst im Alter. Persönlich halte ich nichts von solcherlei Gehirnwäsche, aber ich entwickelte mit dem Älterwerden eine verständnisvollere und gnädigere Sicht auf die Mitmenschen, die sich einem Glauben verschrieben. Dabei ist`s mir egal, ob sie Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten oder anderes sind. Ich liebe die Menschen, und ich leide mit ihnen. Es ist oft unerträglich, weil es Ohnmacht bedeutet.
Ich weiß nicht, was kommt, und ich kann ihnen nur meine Hand reichen.

Der Tod besiegt letztendlich auch die Angst ...

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