Sonntag, 5. September 2010

...


Ob mit dem Fahrrad oder im Bus, jedes Mal, wenn ich die Straße hoch fahre, sehe ich den alten Mann auf dem Bürgersteig - er läuft auf langen, schlacksigen Beinen, leicht vornüber gebeugt immer den selben Weg rauf und runter. Anfangs dachte ich an ein merkwürdiges Zeichen oder ein Omen, dass nur mir auffällt, welches vielleicht nur für mich bestimmt war. Ich glaube fest daran, dass es solche Zeichen gibt, die wir nur nicht zu deuten wissen - sie manifestieren sich im Alltag durch obskure Zufälligkeiten oder unwahrscheinliche Begebenheiten. Bestimmt läuft der alte Mann auch jetzt, während ich dies schreibe, die Straße entlang. Ich sehe ihn im Geiste vor mir: seine gebückte Haltung, welche den Oberkörper verkürzt erscheinen lässt - seine Anatomie hat sich bereits derart verformt, dass er zugespitzt wie ein Kopf auf Beinen wirkt. Wie viele Jahre macht er das schon? frage ich mich.
Wann fing er damit an? Und warum muss er ständig laufen? Mir fällt der Kinofilm "Forrest Gump" mit Tom Hanks ein - das Laufen war für ihn eine Befreiung, eine Emanzipation; er lief sozusagen um sein Leben, um seine Identität.
Wahrscheinlich hat der alte Kerl, den ich sehe, nur einen Knall. In der Nähe ist ein Altenheim. Ich beobachtete schon bei einigen alten Menschen diese Unruhe, die sie mit ewigem Gehen kompensieren, sofern sie es konstitutionell können. Obwohl die Erklärung womöglich ganz simpel ist, werde ich das Bild nicht los, wie er den ganzen lieben Tag lang die Straße hoch und runter läuft. Sähe ich ihn längere Zeit nicht, müsste ich denken, dass er krank ist oder tot.

ein literarisches Tagebuch

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