Mittwoch, 28. Juli 2010

Melk, das verlorene Halbfinale plus nächtliche Besucher


Der Campingplatz in Melk ist eine Zeltwiese gegenüber dem Fährhaus, einer Wirtschaft. Die Zeltwiese ist etwas so groß wie ein halbes Fußballfeld und von Hecken umgeben. Ausgepumpt wie ich war, trank ich erstmal ein Bier im Biergarten des Fährhauses - mit Blick auf die Donau. Die Wirtsleute managten auch den Zeltplatz. Im Hintergrund hörte ich einen Gast schimpfen: "Schön, dass man mal jemanden findet, der zuständig ist!" Er war wohl ebenso gerade auf dem unkonventionellen Campingplatz gelandet.
Es war der Tag des Halbfinales Deutschland - Spanien. Ich machte mich sodann auf den Weg in die Stadt, um etwas zu bummeln und zu sondieren, wo ich mir das Spiel anschauen sollte.
Melk ist ein überschaubares Städtchen mit einem imposanten, weithin sichtbaren Kloster auf der Anhöhe.
Die Innenstadt hat ein paar schöne Ecken, aber sie ist auch etwas abgenutzt. Die Gegend wirkt ärmlich. Ich schlappte die Fußgängerzone hoch und kaufte mir endlich Anti-Insektenspray. Irgendwie musste ich noch zwei Stunden bis zum Spiel vertrödeln. Nach ein paar Schnappschüssen setzte ich mich vor das Traditions-Kaffeehaus am zentralen Platz. Dort verkehrten Jung und Alt. Der Kellner hatte immer ein paar flotte Sprüche auf Lager, und nach ein paar Bier entschied ich, dass ich mir das Spiel dort anschauen will. Fremd war ich überall. Ein Nachteil des Alleinreisenden ist, dass man sich wirklich manchmal einsam fühlt. Ich war gespannt auf das Halbfinale und freute mich auf etwas Ablenkung.
Eine halbe Stunde vor Spielbeginn war ich wieder vor Ort und fragte, wo sie das Spiel zeigen. Der zuvorkommende Kellner führte mich in einen größeren Raum und wies mir einen Platz. An der Wand hatte man eine Leinwand herunter gelassen. Die meisten Tische waren reserviert. Der Raum sollte sich dennoch nicht füllen. Dafür kamen nach und nach einige österreichische Jugendliche, die über die deutschen Spieler ablästerten. Ich fühlte mich nicht sehr wohl in meiner Haut. Und dummerweise fanden die Deutschen nicht ins Spiel gegen die Spanier. Torlos verging die erste Halbzeit. Als die Spanier das Siegtor schossen, jubelten die jungen Österreicher, während ich enttäuscht mein Bier austrank. Ich verließ das Kaffeehaus vor Spielende.
Im Zelt machte ich mich frustriert über die faschierten Laibchen (Frikadellen) her, die ich mir in der Stadt besorgt hatte, und aß Maisbrötchen dazu. Ich verschlang das Mahl geradezu, während ich hörte, wie andere Campinggäste, die bestimmt auch das Spiel geschaut hatten, peu à peu eintrudelten.
Mein Magen rebellierte. Ich würgte das Essen wieder heraus.
Es war halb Zwei, als ich aus dem Schlaf hoch schreckte. Dicht neben dem Zelt erkannte ich die Silhouette einer Person. Reflexartig öffnete ich den Reißverschluss des Mückenschutzes und rief: "Hey, was willst du?!" Wie der Blitz rannten daraufhin die Person und mit ihr zwei oder drei andere, die im Hintergrund gewesen waren, quer über die Zeltwiese und verschwanden in der Dunkelheit. Ich sank pochenden Herzens zurück auf die Isomatte und schlief lange nicht ein. Glaubten die, bei mir sei etwas zu holen? Gut, dass ich einen leichten Schlaf habe, denn was wäre sonst passiert? Am Morgen musterte ich mein Fahrrad. Gott sei Dank war alles in Ordnung. Das Geschehen ging mir noch nicht aus dem Kopf. Es war gespenstisch.
Meinen Morgenkaffee trank ich vor dem Traditions-Kaffeehaus.
Der Tag begann sonnig und sollte mich durch die herrliche Landschaft der Wachau führen - eine der schönsten Etappen auf meiner Reise.






Blick auf das Kloster






Fußgängerzone






kurz vor Spielbeginn






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