Montag, 22. Juni 2009

Mein Drahtesel



im besten Licht



und beladen

...


Kaum war ich losgefahren, hatte ich Probleme mit der Schaltung. "Wie soll ich die Berge hoch kommen, wenn ich nicht aufs kleine Zahnrad schalten kann?", dachte ich und steuerte bereits nach wenigen Kilometern eine Fahrradwerkstatt in Heidelberg an. Glücklicherweise war es nur eine Einstellungssache. Die Korrosion nagt an den mechanischen Teilen. So ganz richtig funzte die Schaltung nie auf meiner Tour. Einen Gang kriegte ich gar nicht rein, den musste ich immer überspringen beim Schalten; und wenn ich es vergaß, krachte es ganz fürchterlich.
Man verwächst irgendwie mit dem Gerät, wenn man tagtäglich viele Stunden auf dem Bock hockt. Drum empfand ich es beinahe wie eine eigene Verletzung, als sich am Ende des 5. Tages der Ständer verabschiedete. Wahrscheinlich auch eine Folge von Korrosion, dazu die Last des Gepäcks. Zwei Tage später ließ ich mir in Leipzig einen neuen dran schrauben. Es ist doch besser, wenn das "Gerät" wieder von alleine steht.
Nach den Bergen bemerkte ich, dass ich mir einen Achter ins Hinterrad gefahren hatte. Mit dem Speichenspanner wollte ich die lockeren Speichen nachspannen - und schon hatte ich eine abgemurkst - merke: lasse als Laie lieber die Finger von der Technik! Fortan fuhr ich wie auf Eiern und betete, dass mein Hinterrad durchhielt. Die Radwanderwege waren oft nichts anderes als Feld- und Waldwege, so dass man trotz Umsicht früher oder später in ein Schlagloch rauschte. "Scheiße!" fluchte ich dann und betrachtete beim Fahren besorgt das schlackernde Hinterrad.
Aber das gute Stück hielt. Zärtlich wie den Hintern einer Frau streichele ich den Brooks-Sattel und sage: "Heute geht es in die Werkstatt. Dort lasse ich dich auch putzen." Zeitweise war die Fahrt eine "Tour de Schlamm". Ich hatte mehr Regen- als Sonnentage.
Ich werde mich schwer von meinem Drahtesel trennen können, mit dem ich in den letzten 2 Wochen so viele Höhen und Tiefen durchlebte. Doch es muss sein - umso früher habe ich ihn wieder.
Insgeheim liebäugele ich bereits mit einem neuen. Das darf er aber nicht wissen, sonst wird er am Ende noch eifersüchtig und bockig ...

ein literarisches Tagebuch

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